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13. Juni 2019—19. Juli 2020

Wiedereröffnung Isabelle Krieg —Blumen und Erleuchtungen

Leichtfüssig verfremdet Isabelle Krieg alltägliche Objekte, um über das Gewohnte nachzudenken. Kleine Erleuchtungen im Alltag wecken die Sehnsucht, grössere Zusammenhänge zu verstehen. Die Werke der Künstlerin mäandern zwischen der vertrauten Alltagswelt, ihren Wundern und dem Universalen. Unermüdlich forscht sie im eigenen Leben und stösst dabei immer wieder auf Metaphern, die oft mit einer Prise Humor zum Augenzwinkern und Staunen einladen. Das persönliche Erleben stösst auf brennende Fragen der Gegenwart, die zu selten poetischen Bildern finden.

Saaltext

Während des ganzen Jahres 2019 hat Isabelle Krieg einem Blumenstrauss wöchentlich die verwelkten Blumen entnommen, um die verbleibenden mit neuen zu ergänzen. Entstanden ist «Der laufende Blumenstrauss» (work in progress), eine 52-teilige Fotoarbeit, die metaphorisch für das gesamte Schaffen der Künstlerin stehen kann. Isabelle Krieg sprüht vor Ideen. Sie liebt Doppeldeutiges, Wandlungen und Seherfahrungen auf den zweiten Blick. So werden die Sträusse voller Ideen, die sie in sich trägt und wiederkehrend aufgreift, in künstlerischen Prozessen fortlaufend zerpflückt und wieder neu zusammengestellt. Einzelne Motive wie die Arbeiten mit Brot begleiten die Künstlerin über Jahre.

Andere Entdeckungen, wie beispielsweise die Auseinandersetzung mit Pflanzenteilen, Astwerk oder Blättern, tauchen in Arbeiten auf und verschwinden wieder, um sich später in überraschend andersartigen Konstellationen neu zu formatieren. Diese spezifische Arbeitsweise lässt zyklische Bewegungen im Werk der Künstlerin entstehen. Die Ausstellung «Blumen und Erleuchtungen» erzählt von diesem Prozess der Verwandlung, dem Werden, Wachsen und Vergehen und spannt gleichzeitig einen Bogen von Isabelle Kriegs frühem Stipendienaufenthalt im Künstlerhaus Nairs (2003) bis heute. Die Abendbrote erinnern an die leuchtenden Wolken des Himmels während dem Abendessen am grossen Tisch — damals oder heute? Der Wandteppich «Farbgeschichte» (2019) ist eine künstlerische Übersetzung des Romans «Der grüne Heinrich» von Gottfried Keller. Isabelle Krieg hat aus dem Buch, dessen Sprache sie als überaus sinnlich und farbig empfindet, alle im Text genannten Farbwörter herausdestilliert und sie in chronologischer Reihenfolge zu diesem Stoff verweben lassen.

In den «Planblättern» (2019) überlagern sich Blattstrukturen des Blauglockenbaums mit Städtebauvisionen und synthetisieren sich. Auf den ersten Blick erscheinen die Zeichnungen als reine Poesie, wobei nach längerer Betrachtung auch Ambivalenzen durchbrechen. Sie werfen in uns Fragen nach der Vereinbarkeit von natürlichem Wachstum und von Menschenhand geschaffener Struktur sowie deren Massstäblichkeit auf. Im Objekt «Life Jacket (Air)» aus dem Jahr 2018 ist der Bezugspunkt Mensch in verdichteter Form als übereinandergeschichtete Hüllen schon fast körperlich präsent. Das Wachsen während eines gesamten Menschenlebens erscheint räumlich und zeitlich komprimiert. Gleichzeitig klingt in dem Objekt die Endlichkeit unseres Daseins leise an. Leichtfüssig verfremdet Isabelle Krieg alltägliche Objekte, um über das Gewohnte und Unerklärliche nachzudenken.

Kleine Erleuchtungen im Alltag wecken die Sehnsucht, grössere Zusammenhänge zu verstehen. Die Werke der Künstlerin mäandern zwischen der vertrauten Alltagswelt, ihren Wundern und dem Universalen. Unermüdlich forscht sie und stösst dabei auf Metaphern, die mit einer Prise Humor zum Nachdenken einladen, wie beispielsweise die «Kürchenschürzen» (2019) oder die «Perlen der Weisheit» (2019). Mit den «Wahrscheinlichkeitstrieben» (2011/2019) greift Isabelle Krieg auf spielerische Art Fragen zu Glück und Pech und damit zum Schicksalshaften in unserem Leben auf. Das persönliche Erleben der Künstlerin stösst auf brennende Fragen der Gegenwart, die zu selten lebendigen Bildern finden.

Kurator: Christof Rösch

 

Bilder:
1 Wahrscheinlichkeitstriebe, 2011/2019 Holzspielwürfel, Äste, Goldlack 50 x 50 x 70 cm
2 Der laufende Blumenstrauss, 2019 (work in progress) 52 C-Prints je 21 x 30 cm
3 Abendbrot, 2003/2019 Butterzöpfe, Epoxidharz, Glasfasergewebe, LEDs je ca. 8 x 30 x 15 cm
4 Life Jacket (Air), 2018 Jacken, Bügel, Draht 80 x 80 x 40 cm
5 Kürchenschürze, 2019 Priesterstolen, Baumwollstoff 97 x 100 cm
6 Perlen der Weisheit, 2019 Teebeutel-Enden, Perlen, Schnur 70 x 70 x 3 cm

Fotografien: © Nelly Rodriguez

Saaltext (PDF)